Erste wackelige Schritte

 

„Der Wind, der Wind, das himmlische Kind…“ – Wer denkt sich so einen Quatsch aus?

455 gefahrene beziehungsweise gelaufene (!) Kilometer und ca. getrampte 200 km liegen hinter mir. Zwischen Ushuaia und Punta Arenas.  Das wenigste auf Asphalt und ganze 15 Kilometer mit Ruecken- bzw. Seitenwind. Diese fuhr ich auf der linken Strassenseite, damit ich eine ganze Strassenbreite Zeit hatte um auf eine Boe reagieren zu koennen und nicht sofort im Strassengraben zu landen. 

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Patagonian Countryside

Die Landschaft ist karg und eingezaeunt. Die trockenen Grashalme teilen sich Schafe, Kuehe und Guanacos.

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Guanacos

Letztere verirren sich manchmal vor die Zaeune auf die Strasse. Ich befuerchte dann immer, dass sie in ihrer Panik versuchen ueber den Zaun zu springen und dann so enden:

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Failing of jumping over the fence

Alle 20 Kilometer eine Hazienda und ansonsten nichts. Ausser dem Wind. Mit 2,8 km/h schob ich Charlotte vorwaerts, Ein geistiger und koerperlicher Kraftakt. Aber um wieviel mehr waere ich ueber meine Langsamkeit verzweifelt, wenn ich nicht vor zwei Jahren in Vietnam Rico getroffen haette, der um die Welt wandert und der mir zeigte und vorlebte, dass es auch sehr langsam geht. Auch erinnere ich mich an den einen Tag in Australien, an dem ich vorher nie erlebten Gegenwind hatte, ich zuerst schimpfte und meinen Frust herausschrie, weil ich nicht schneller war, und dann tatsaechlich lernte, den Wind und die Geschwindigkeit zu akzeptieren weil der Frust  und die Wut auf den Wind ja nur aus einem selbstauferlegten Zeitdruck heraus entsteht.

Meine Ansprueche, Hoffnungen und Wuensche beschraenkten sich in den 11 Tagen darauf, einen windgeschuetzten Platz zum Schlafen zu finden. Einige Male fand ich wunderschoene Zeltplaetze hinter Bueschen und hinter den Zaeunen.

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my tent

Ich schlief eine Nacht in einer Roehre und wachte des oefteren auf, weil der Wind selbst diese schwere und lange Roehre hin und her schaukelte.

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A night in here

 

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Having a good night

Ich war gluecklich. Am naechsten Tag, nach 11 km und 2 Stunden traf ich auf drei Radfahrer, die mir entgegenflogen. Zwei von ihnen, Sahra und Andy, starteten in Alaska. Ich bewunderte die beiden zutiefst.

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Sarah cycling from Alaska and Markus doing a shorter trip

Sie erzaehlten mir von einer kleinen Kirche, in der man uebernachten koennte und von der mich 29 km trennten. „Unmoeglich.“ dachte ich. Und wie stolz war ich, abends, nach insgesamt ueber sieben Stunden Schieben und Strampeln, diese Kirche erreicht zu haben, und das scheinbar Unmoegliche moeglich gemacht zu haben.

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Church from Inside

 

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Happy to reach the church

 

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Hot tea after 7,5 hours struggling against the wind

Am naechsten Morgen wachte ich um 6 Uhr von der Stille auf. Kein Wind! Sofort los zur Grenze, auch wenn diese vielleicht erst um 8:00 Uhr aufmacht, aber die 6 km waren dann in 20 Minuten statt ermuedender Stunde gemacht. Als um 10:00 Uhr der chilenische Grenzposten aufmachte, wehte es schon wieder aus dem Vollen.

 

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Welcome to Chile

Die Landschaft wurde huegeliger, der Wind staerker, dazu Regen. Vom gestrigen Tage war ich koerperlich noch mitgenommen und als sich von hinten ein Pickup naeherte, streckte sich der Daumen der rechten Hand aus, noch bevor ich ueberhaupt denken konnte. Und das war gut so.

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Manuel with my bike

Ich haette diese Strecke nur mit allergroesster Anstrengung geschafft. Es waere nur aetzend gewesen. Jeder Meter hart erkaempft und jeder Hoehenmeter noch viel mehr. Wofuer? Im Auto war vom Wind nichts zu spueren. Der Regen peitschste auf die Windschutzscheibe und ich war erleichtert, dass mein Daumen so entschieden hat. Sabrina und Manuel aus Italien machten hier Urlaub und haben sich diesen Pickup geliehen. Sie setzten mich an einem kleinen Refugium ab. Wieder ein windgeschuetzter Ort.

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Little refugio and great place to sleep

Eine kleine Huette mit einem Ofen, dessen Ofenrohr die ganze Nacht an das Dach schepperte. Aber ich war zufrieden. Hoechst zufrieden. Ich konnte so noch Benzin fuer einen Tee „verschwenden“, denn ich hatte durch die Fahrt zwei Tage Radfahren und Kochen erspart. 

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Having Breakfast inside of the refugio

Nicht weit von der Huette lebt die einzige Kolonie von Koenigspinguinen ausserhalb der Antarktis. Ich bezahlte 20 U$ um sie sehen zu koennen. Und ich muss sagen, ich haette auch 50 U$ bezahlt. Ein Erlebnis, welches mich alle Strapazen vergessen liess. Ein solch bewegender Moment, bei dem mir die Traenen in die Augen schossen. Ein Wahnsinn, diese Wesen in der Natur zu erleben, nicht im Fernsehen. Wie einige scheinbar tolpatschig hin und her watschelten, wie andere  einfach nur dastanden, auf ihren Fuessen ein Ei balanciert, und es mit ihrem dicken Fettpolster wochenlang ausbrueten. 

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King Pinguins

Ich machte mich wieder auf den Weg, die oben erwaehnten 15km Rueckenwind vor mir, das Ziel eines Bushaltehaeuschens fuer die Nacht vor Augen. Eine grosse Enttaeuschung. Irgendein Mann hat in die Ecke gepisst und es stank unertraeglich. Muessen manche Maenner tatsaechlich ihr Revier wie verlauste Strassenkoeter markieren???? 

Plan B musste her. 
Ok, Auto anhalten, und zum naechsten Refugium fahren. Zwei Minuten spaeter landete Charlotte wieder auf einem Pickup, und ich auf der Rueckbank im Wageninneren, eingequetscht zwischen all meinem Gepaeck, eine spannende und anregende Unterhaltung mit zwei deutschen Urlauberinnen. Eine von ihnen (Ich habe schon wieder den Namen vergessen) arbeitet als freiberufliche Kamerafrau. Sie begleitete z.B. Deutsche, die als Auswanderer ihre ersten Schritte im neuen Land machten und oft auch auf ganzer Linie scheiterten. Ein spannender Job.

Das naechste Refugium erwies sich als Minihaeuschen mit zerbrochenen Fensterscheiben. Der Wind zog so durch. Dazwischen gab es nichts. und ehrlich gesagt hatte ich auch keine Lust, mich wieder diesem Wind auszusetzen, Charlotte zu schieben. 

Und so landete ich tatsaechlich an diesem Tag schon auf der Faehre nach Punta Arenas, und verbrachte die Nacht ganz unerwartet in einem schoenen warmen Bett in einem tollen Hostel. Nicht vergessen zu erwaehnen, die heisse Dusche nach acht Tagen. 

Noch mehr Fotos:

3 Gedanken zu “Erste wackelige Schritte

  1. Liebe Heike,
    Ich freue mich sehr wieder deine Texte zu lesen und die Fotos genießen zu können. Es erinnert mich sehr an unsere Reise und ich fühle mich zurück versetzt. Es ist ein Wenig wie die Zeit zurück drehen zu können. Erinnerungen und Glücksgefühl kommen auf. Ich kann aus dem Berliner U-Bahn-Stress gedanklich aussteigen.
    Danke Dir!

    Gefällt mir

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