Welcome to Canada

Almost there

Holprige Einreise

„Was wollen Sie in Kanada?“

„Meine Tante besuchen und Fahrrad fahren.“

Ich blickte zu dieser schwarz uniformierten, scheinbar sehr genervten Dame am Immigrationschalter vom Flughafen Toronto hoch. Völlig übermüdet hatte ich Schwierigkeiten, dieses dahin genuschelte Englisch zu verstehen. Sie wollte mein Rückflugticket sehen. Es war datiert auf den 6. Juni, und nun kam ich in Erklärungsnot, denn auf ihre Frage, wie lange ich in Kanada bleiben wollte, wagte ich zu sagen: “ein halbes Jahr“ Das machte mich verdächtig. Sie gab mir keinen Stempel in den Pass und ich hatte mich in einer weiteren Schlange einzureihen, in der ich zusammen mit Menschen, grösstenteils aus Afrika, Indien und Pakistan auf mein weiteres Schicksal wartete.
Etwas, das selbst in meinen pessimistischen Gedankengängen nicht vorkam, rückte in bedrohliche Nähe und ich sah mich schon wieder im Flugzeug zurück nach Europa.

Ich bekam noch eine zweite Chance.
Und nutzte sie.

Hugh picks me up from the airport

Eine Stunde später fand ich mein Fahrrad in der einen Ecke der Gepäckausgabe und irgendwo anders die grosse Plastiktasche mit dem übrigen Gepäck, alles unversehrt.

Der gefühlt schwierigste Teil der gesamten Reise ist geschafft. Mein Fahrrad, mein Gepäck und ich sind zusammen in Toronto angekommen.

Der Beginn meiner dritten grossen Reise.
Fast vier Jahre nach der coronabedingten Rückkehr von San Pedro de Atacames in Chile, 2020.

Was bisher geschah

Vier Jahre, die mich wieder sesshaft werden liessen, die alte Freundschaften aufleben und neue
schliessen liessen, in denen ich ein Zuhause erschuf, in dem ich sehr, sehr glücklich war:
und die ich nutzte, um mit diversen Jobs mein Konto wieder aufzufüllen.

Ich hatte mich eingenistet, hatte es mir kuschelig gemacht. Die morgentliche Routine aus kalter Dusche, Yoga und anschliessendem Cappucchino mit Hafermilch war der wunderbare Beginn eines jeden Tages.

My sweet little caravan

Ich hätte noch jahrelang so weitermachen können, wenn da nicht diese Unruhe wäre, wenn ich nicht dieses Gefühl gehabt hätte, wieder losfahren zu wollen, ja zu müssen um nicht den grossen Teil der restlichen Welt ausserhalb meiner kleinen Blase zu verpassen.
Wenn ich nicht solche Sehnsucht nach Abenteuer und Herausforderung gehabt hätte, nicht dieses Kribbeln im Bauch, das immer stärker wurde.

Ich buchte den Flug nach Toronto, kündigte meinen Job, verkaufte meinen Wohnwagen und liess den Platz auf dem Campingplatz besenrein zurück.

Hugh

Hugh, den ich 2011 bei meiner Fahrradtour durch Kanada kennenlernte, wartete in der Ankunftshalle auf mich. Wir quetschten den Fahrradkarton und die Taschen in sein kleines Auto und fuhren 2,5 Stunden durch die immer schwärzer und menschenleerer werdende kanadische Nacht.

Plötzlich tauchte in der Dunkelheit ein hell erleuchteter Supermarkt auf.
„Ist der noch offen?“ Es war mittlerweile Mitternacht.
„Ja, 24/7“
Und die einzigen, die weit und breit nicht schliefen, waren die Mitarbeiter dieses Supermarktes und wir beide im Auto.

Ich trat in Hughs Haus ein, welches aus einem Raum bestand, in dessen Mitte ein grosser Holzofen das Wasser für den Tee aufheizte. Wir assen eine Scheibe Brot, die mich mit ihrer Labbrigkeit daran erinnerte, dass ich nun für lange Zeit auf etwas eigentlich unentbehrliches verzichten musste , und dass ich in Zukunft meine Kaumuskeln irgendwie anders trainieren musste.
Der Ziegenkäse darauf war lecker.

Ich putzte noch schnell Zähne draussen im Dunkeln, lief anschliessend mit der Taschenlampe bewaffnet zum Kompostklo und stieg die enge Treppe im Haus hinauf in die 2. Etage unter das Dach. Mit der Vorfreude auf den nächsten Tag und dem wärmenden, wohligen Gefühl, angekommen zu sein, fiel ich ins Bett.

Hugh ist ein Frühaufsteher und so wachten wir fast zeitgleich auf. Noch war es kalt. Wir wärmten uns am Ofen, hielten uns am Cafe fest und assen Bio-Haferflocken, die Hugh aus einem der beiden regentonnengrossen Fässer hinter dem Sofa schöpfte.

Wir zogen uns Gummistiefel an und ich stapfte etwas unsicher auf der mit Furchen und Löchern durchzogenen Wiese hinter Hugh her.

Er zeigte mir sein Badehaus, in dem auf vier Beinen eine Badewanne stand unter der noch die Reste des letzten Feuers. zu sehen waren. „Man kann es ewig darin aushalten, das Wasser wird nicht kalt.“

Bathroom

Vorbei ging es am Kartoffelfeld zum grössten seiner vier sogenannten Hobbithäuser. Halb in den Boden gebaut sind sie im Sommer angenehm kühl. Die Dächer sind mit Gras bewachsen, von oben nicht als Häuser erkennbar, was den Vorteil hat, dass diese illegalen Bauten nicht von irgendwelchen zuständigen Ämtern und ihren Drohnen gefunden werden konnten. Hugh hätte womöglich alles seine Häuser wieder abreissen müssen.
Ein grosser Baumstamm in der Mitte stützt das Dachgerüst. Im Inneren jeweils ein Bett, ein Holzofen, ein Tisch, diverse Kochuntensilien und ein volles Bücherregal.
Vier derartige Häuser hat Hugh auf seinem Grundstück gebaut.

Er zeigte mir seinen Kühlschrank, ein ausgehobenes Erdloch, aus dem, als wir den Deckel öffneten tatsächlich ein eiskalter Lufthauch wehte.

Wir stiessen auf eine Kuhherde, die augenscheinlich glücklich die Wiesen abgraste. Sie gehören einem Nachbarn, der lediglich die zweijährigen Bullen der Herde verkauft. Die übrigen leben und sterben dort auf den Wiesen und enden als Kompost auf Hughs Gemüsegarten.

Happy cows

Hugh erzählte mir von den Geistern, die dort ebenfalls wohnen, die ihm manchmal Streiche spielen, indem sie Sachen verlegen oder den Strom von dem Elektrozaun abschalten, der eigentlich die Kühe von seinen Hobbithäusern fernhalten sollte.
Er selbst kann nicht mit den Geistern kommunizieren. Das läuft über eine Schamanin, die zeitweise ein der Hobbithäuser bewohnt. Der Elektrozaun habe die Geister genervt, weshalb sie ihn abschalteten. so die Schamanin.

Hugh ist wirklich einer der wenigen Menschen, die ich kenne, welche von sich sagen, dass sie mit sich und ihrem Leben völlig im reinen sind, wo alles passt.

I like to do things I can’t do.“ ist einer der Sätze, die Hugh von sich gab, und die sich in meinem Gehirn einbrannten.

Hugh cleaning the dishes

Noch einen weiteren Tag verbrachte ich bei Hugh, an dem wir seine beiden Kayaks in den Pickup luden, keine zehn Minuten zum nächsten See fuhren und den halben Tag von Insel zu Insel paddelten, während über uns ein Seeadler kreiste.

Drei Tage lang radelten wir auf stillgelegten Bahnstrecken und ruhigen Nebenstrassen Richtung Picton zu meiner Tante.

Some problems

Wir campten wild und als ich am letzten Abend vor dem Zelt sitzend meine Traurigkeit darüber erwähnte, dass unsere gemeinsame Radelzeit nun erstmal wieder vorbei war, liess er mich seinen Blick auf die Dinge sehen: einfach mit Glück und Dankbarkeit den Augenblick geniessen.
Hmm, ja, ist irgendwie positiver und gesünder, das ganze so zu betrachten.

Hugh and me

Ilona, meine lieblingstante, wird 80

Ein an den Briefkasten geknoteter Luftballon, auf dem mit bunten Buchstaben „Welcome“ stand, begrüsste uns am Ziel. Ilona rollte wenige Augenblicke später mit ihrem Auto die Einfahrt hoch.
„Ich habe euch gesucht!“

Ankunft bei meiner Tante Ilona

Mittlerweile sind eineinhalb Wochen vergangen.
Ilona wurde 80. Ihre Kinder und ihre Freunde überraschten sie mit einer Geburtstagsparty einen Tag vor dem eigentlichen Tag.

Der ganze andere Teil meiner Familie, meine Cousine Britta und meine Cousins Joerg und Thomas mit ihren Kindern waren für ein paar Tage hier. Es fühlt sich gut an, Teil dieser Familie zu sein.

Wir springen ins 7,8 Grad kalte Wasser des Ontariolakes,

7,8 degrees

und bewundern den Sonnenuntergang am felsigen Ufer bei Sekt und Chips.

Ilona und ich gehen zusammen mit ihren Freunden Kayaking und Fahrradfahren. Ich koche mit dem Wok hier leckerstes Essen, wie bei mir Zuhause und mache endlich mal wieder Pizza.
Ich stehe gerne in dieser Küche mit all ihren Annehmlichkeiten fliessenden Wassers, diversen Öl- und Essigflaschen in der Schublade, den scharfen Messern und der grossen Arbeitsfläche in der Mitte.

Me cooking

Ich geniesse diese Küche, denn bald wird es wieder einfache Gerichte geben, gekocht auf meinem Benzinkocher. Nach dem Essen werde ich den Topf, das Messer und den Löffel mit Blättern oder Sand vorsäubern um das Wasser zu sparen, welches ich später zum Zähneputzen brauche und dann werde ich in den Schlafsack kriechen, das Zelt zumachen, mich umdrehen und gefüllt mit den Eindrücken des Tages in den Schlaf fallen.

Impressionen zwischendurch:

Canadian Stile of Neubaugebiet
Ontario Lake
Ilona, me and Heidi

8 Gedanken zu “Welcome to Canada

  1. Liebe Heike, wie großartig zu hören, dass es für dich wieder losgeht auf Reisen! Und dann startet es auch gleich so schön. Wir haben uns des Öfteren gefragt, wie es dir wohl ergeht und sind sehr froh zu hören, dass du es wieder raus in die Welt geschafft hast. Wir werden dir folgen und sind gespannt auf deine Abenteuer. Ganz liebe Grüße, Eike und Marisa

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    • Hallo Eike, hallo Marisa,
      Vielleicht werden wir uns ja wieder ueber den Weg laufen, hier auf dem amerikanischen Kontinent. Drei Jahre habe ich geplant, wenn nichts dazwischen kommt.
      Euch viele liebe Gruesse zurueck.

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  2. So wonderful to see you have still been travelling! I will have to wait for the English translation but it appears you are, or were, in Canada. Did you, will you, make it back to Vancouver Island? I will certainly go back to the adventures you have been on that I missed.

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  3. Hey, meine Liebe!

    Ganz herzliche Grüße aus der Heimat!!!

    Ich hoffe, dass es dir gut geht und du (inzwischen in USA?) wieder viele positive Eindrücke sammelst und tolle Menschen triffst!

    Fühl dich fest gedrückt und melde dich gerne mal….

    Liebe Grüße 🙃

    Birte

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