Ich bekomme Besuch…

Das ist Ilona, meine Tante. 

Ihren 80igsten Geburtstag nahm ich zum Anlass, damals diese Reise bei ihr zu Hause in Kanada zu beginnen. Sich voneinander zu verabschieden, ohne sich wieder neu zu verabreden, fällt uns beiden schwer und so machten wir einen neuen Treffpunkt aus in Quito, Ecuador. Nun war es soweit, eineinhalb Jahre später.

Um halb drei Uhr nachts schlossen wir uns am Flughafen in Quito in die Arme.

Drei gemeinsame Wochen lagen vor uns. 

In Quito besuchten wir das Museum des berühmtesten Malers, Ecuadors.: Oswaldo Guyasamin.

Das Museum lag etwas höher. Steile Treppen und steile Gassen führten dorthin, und Ilona war am Japsen, der Höhe wegen. Kein Wunder. Sie lebt am Lake Ontario, auf 0,0 mNN. Später, beim Bäcker wollte sie lieber unten warten, als die zehn Stufen hochzusteigen. 

Zwei Tage später machten wir uns auf den Weg zur Laguna Cuicocha. „Ilona, wenn es zuviel ist, dann kehren wir wieder um. Kein Problem.“ Elf Kilometer lagen vor uns, 600 Höhenmeter bis auf 3400mNN. Einmal um die Lagune herum.

Wir waren noch einmal 600 Höhenmeter höher als in Quito. Und ich hätte es wissen müssen:

Ich habe sie unterschätzt, ihren Durchhaltewillen, aber auch ihre Härte gegenüber sich selbst. Sie sagte nach den elf Kilometern, das sei härter gewesen als die Marathons, die sie gelaufen ist. 

Zurück in Otavalo kaufte sich Ilona bei irgendeinem Essensstand am Bahnhof einen Plastikteller voll undefiniertem Fleisch, Kartoffeln, Mais und Salat. „Wash it, peal it, cook it or leave it.“? Diese Regel kannte Ilona zwar, aber „who cares“. Möglichst nahe am Leben der Ecuadorianer zu sein. Das war auch eine Regel, ihre Regel für diese Reise.

Für unseren nächsten Aufenthalt in Mindo wollte Ilona unbedingt eine Unterkunft fest buchen. Aus Angst, dort anzukommen und kein Dach über dem Kopf zu haben, nicht zu wissen, wohin….

Ich war strikt dagegen. Auf Bildern sehen die Unterkünfte alle toll aus….

Wir einigten uns: Jede von uns sucht sich drei Unterkünfte aus, die gemeinsamen Treffer sehen wir uns vor Ort zuerst an. So machten wir es dann immer und lagen gut damit. 

Die Ueberwindung von Angst ist Mut. Die Vorraussetzung von Mut ist Angst, denn wer keine Angst hat, muss sie auch nicht überwinden. Wer trotz Angst vom Dreimeterbrett springt ist in meinen Augen mutiger als jemand der ohne mit der Wimper zu zucken, einen Köpper vom Zehner macht.

und so verneige ich mich vor dem Mut meiner Tante, welche sich trotz ihrer Höhenangst in die Seilbahn setzt um sich über die 100 Meter tiefe Schlucht gondeln zu lassen. 

In Baños genossen wir die Thermalbäder. Auf unseren Wunsch hin, fing es sogar an zu regnen. Einen gehörigen Sonnenbrand holte ich mir trotzdem. 

Der Bus von Baños nach Cuenca hatte eine Panne, und so brauchten wir statt der angesagten sechs Stunden, noch mal zwei Stunden länger. Ich weiss noch, wie Ilona mir zuvor sagte: „Keine Busfahrten länger als vier Stunden. Das kann ich mit meinem Rücken nicht.“ Ich schlug Ilona vor, auszusteigen und morgen weiterzufahren. Auch ich war ziemlich erschöpft. „Nein, wir ziehen das jetzt durch.“ 

In Cuenca fanden wir endlich ein gepflegtes Cafe. Denn so stellte ich mir den Urlaub mit Ilona vor: Gemütlich in einem Café zu sitzen. Cappuchino trinken, Kuchen essen und ab und zu einmal zu wandern….Am Ende zählten wir mehr Wanderungen als Cafébesuche.

Nahe bei Cuenca liegt der Cajas Nationalpark. Mit Daunenjacke, Regenjacke, Mütze, Schal und Handschuhen ausgerüstet, bewegten wir uns auf knapp 4000mNN. Ich hatte keine Zweifel mehr, dass Ilona die Wanderung schaffen würde. 

Mit der Zeit wurden wir tatsächlich beide müder. So nutzten wir unsere Betten nicht nur zum Schlafen, sondern immer öfter auch zum Abendessen und morgens zum Frühstücken.

Ueber die berühmte Inkastätte Inkahuasi ging es zurück nach Quito, zurück zu Veró und Igor. Veró lernte ich 2015 in Dushanbe kennen, der Hauptstadt Tadschikistans. Wie viele andere Radreisende durfte ich in ihrem Garten mein Zelt aufbauen. Ihren Papagei nahm sie mit nach Quito. Ihr damals neunjähriger Sohn studiert nun in Paris.

Bei den beiden durfte ich die drei Wochen Charlotte und meine ganzen Taschen unterbringen. Wir hatten einen tollen gemeinsamen letzten Abend bei Pizza, Wein und Salat. 

Am nächsten Morgen brachte ich Ilona ein letztes Mal den Café ans Bett. 

Der Abschied war kurz. Das Taxi, welches Ilona zum Flughafen bringen würde, stand schon abfahrbereit vor der Tür. Keine Zeit zum ausschweifenden Abschiednehmen, aber danach weinte ich doch.

Danke Veró und Igor für die tolle Zeit bei euch, und danke, dass ihr Charlotte einen sicheren Platz gabt. 

Danke Ilona für unsere gemeinsame Zeit, dass du mir zeigtest und vorlebst, durchzuhalten und auszuhalten und sich seine Neugierde und Offenheit gegenüber der grossen, einladenden Welt zu bewahren.

11 Gedanken zu “Ich bekomme Besuch…

  1. Liebe Heike,

    Warum habe ich Tränen in den Augen?

    Weil ich mich immer freue, wenn ich von dir lese.

    Weil du deinen Unternehmungsgeist offenbar von dieser wunderbaren Tante geerbt hast.

    Und weil du auf deinen Reisen immer das Glück hast auf aufgeschlossene, hilfsbereite und einfach nette Menschen zu treffen.

    Ich glaube, dass das auch an dir liegt. Man muss dich mögen.

    Liebe Grüße aus einen tristen Deutschland, Sigrid ⁷

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    • hallo Sigrid, viele liebe Gruesse aus Kolumbien. Vielen lieben Dank für deinen Kommentar, über den ich mich sehr freue.

      In Deutschland ist es Zeit für Kerzen anzünden und heissen Kakao trinken und sich in eine Decke kuscheln. In der schwülen Hitze Kolumbiens stelle ich mir das traumhaft vor….

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  2. Moin,

    die Sehnsucht fühlt sich schon fast wie ein zweites Zuhause an, ich bin beruhigt.

    Die Bilder könnten auch von Picasso sein, witzig.

    Liebe Grüße an die junge Tante.

    Jockel und Team

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  3. Liebe Heike, weiter so, lass Dich nicht unterkriegen und schau Dir die Welt weiter so aufmerksam an.

    Pass auf Dich auf und bis bald mal in Minden zum Klassentreffen,

    Michael

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  4. Ehrlich gesagt war die Wanderung um die Lagune Cuicocha leichter als das Feld für den Kommentar zu finden.
    Ich danke dir, mi sobrina favorita, dass ich jetzt unsere Reise aus einer anderen Perspektive gesehen habe. Wo werden wir uns denn im nächsten Jahr wieder treffen? Ein neues Abenteuer? Es war schön mit dir einen kleinen Abstecher in deine Welt zu machen.
    Sei vorsichtig, be safe, und pass in Zukunft besser auf dein Messer auf🤣💕😁

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