Auf zur Ruta de las Vicunas

So lieber nicht
Rost, ueberall Rost, die Rohloffnabe funktioniert nicht mehr, das Innenlager knirscht, die Pedalen lassen sich nicht mehr drehen. Das Salz hat seinen Weg in das Innere Charlottes gefunden. Durch alles Luecken, Loecher, kleinste Risse.
Ein Alptraum. 
Und ein Film, der sich so in meinem Kopf abspielt. 
Damit dieser Film nicht Realitaet wird, fahre ich nicht ueber den zweiten grossen Salzsee, den Salar de Coipasa. denn hier steht das Wasser durch staendigen Zufluss. Manchmal knoecheltief.

Ich mache einen Riesenumweg und fahre durch die Wueste aussen herum. Das Ziel: die Ruta de las Vicunas in Chile. Eine einsame Strecke auf Schotter, Sand, durchgehend auf ueber 4200 mNN, entlang an jahrhundert  alten Missionskirchen, vorbei an Lagunen, Vulkanen. Sibu, ein Radler hat mir von dieser Strecke erzaehlt, und ich schmeisse meine urspruenglichen Plaene ueber den Haufen, weil diese Strecke einfach unglaublich toll sein muss. Ich kaufe Essen fuer eine Woche, denn das wird es definitiv nicht geben, und auf Wasser muss ich hoffen. 

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it is very dry….

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…and sandy.

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No trees and nearly no people

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You like to play basketball?

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old church

Verloren und Gefunden
Mein GPS-Geraet dirigiert mich zuverlaessig durch die Auslauefer des Salar de Coipasa, ueber kleine Feldwege, die in meiner Karte als Haupverkehrsstrassen gekennzeichnet werden.

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finding my way

Und ploetzlich ist Schluss. Dort, wo mir die Karte eine durchgehende Strasse zum naechsten Ort anzeigt, wird sie ploetzlich vom Sande verschluckt. Feiner, goldfarbener Sand, indem ich eine halbe Schuhhoehe tief versinke. Unschluessig stehe ich davor. Hier geht es definitiv nicht weiter. Ich fahre ein paar Kilometer zurueck, vielleicht habe ich eine Abzweigung verpasst. Biege ab, nur um wieder im Sand zu enden. Ich laufe zu Fuss weiter, in der Hoffnung irgendwo einen Pfad zu finden. Nichts. 
„Ok“, denke ich mir, „dann wirst du wohl in den sauren Apfel beissen muessen und hoechstens zehn Kilometer schieben.“ Ich kehre um zum Ende der Hauptstrasse als ich ploetzlich in diesem Niemandsland jemanden in der Ferne sehe. Ich kaempfe mich durch den Sand, winke mit den Armen, pfeife, bis auch ich bemerkt werde und der Mensch endlich stehen bleibt. 
Ich laufe auf ihn zu, erkenne einen Fahrradhelm auf dem Kopf. Das gibts doch nicht. Ein Radfahrer, nach zwei Wochen mal wieder ein Radfahrer und dann gerade hier. 
Es ist Johan, und dann tauchen auch Nami und ihre Tochter Yuna auf. Ich bin die erste Radlerin nach vier Wochen, auf die sich treffen. Wir koennen es nicht fassen. Eigentlich glaube ich ja nicht an Gott, aber das ist wirklich ein wundersamer Zufall. Die drei haben dasselbe Problem wie ich, bloss von der anderen Seite. Doch zunaechst breiten wir unsere Plastikdecken auf dem Sand aus und essen Mittag.

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Yohan, Nami, Yuna und ich

Sie sind vor einem Jahr in Vancouver gestartet. Mit Kind und Kuscheltier im Anhaenger. Auch ohne Kind haben Nami und Johan schon jahrelange Radtouren unternommen. Die kleine Yuna spricht Japanisch und Franzoesisch. Englisch lernt sie nebenbei. Sie sind nun in Japan, ruhen sich aus und wollen dann mit dem Rad nach Frankreich fahren. Bald wird Yuna alt und gross genug sein, um selbst auf dem Rad sitzen zu koennen. Wir helfen uns gegenseitig, die Raeder ueber den Sand zu schieben und verabschieden uns, noch immer kopfschuettelnd ueber diese unglaubliche Begegnung, mit einer herzlichen Umarmung.

Eine Nacht schlafe ich, versteckt zwischen den huefthohen Sandduenen unter freiem Himmel. Es ist Vollmond. Ich kuschele mich in meinen warmen Schlafsack, waehrend links und rechts die Wasserflaschen langsam gefrieren. 

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Schlafen ohne Zelt

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„Good Night“

Chile und sein Gemuese
Und dann geht es wieder nach Chile. Auf bolivianischer Seite verschenke ich die Reste des Gemueses, denn da sind die Chilenen rigoros. Kein Gemuese, kein Obst, kein Honig, kein Kaese (es sei denn, er ist Teil eines Sandwiches) darf nach Chile eingefuehrt werden. Mein Gepaeck wird geroentgt. 

In Colchane, dem chilenischen Grenzort habe ich ein kleines Problem. Es gibt keinen einzigen Laden, der Obst oder Gemuese verkauft. Ich gehe in ein Restaurant und kann der Bedienung ein paar Moehren und Zwiebeln abquatschen. Sie steckt mir noch eineinhalb Paprika in die Tuete. Ich bezahle bolivianische Preise in chilenischen Pesos und frage, wo das Gemuese herkommt.
„Aus Bolivien.“ Ich mache ein verstaendnisloses Gesicht. „Ja, nachts wird es ueber die Grenze geschmuggelt.“

Ruta de las Vicunas
Und dann bin ich endlich auf der Ruta de las Vikunas, und habe einen der schoensten, wenn nicht sogar den bisher schoensten Abschnitt meiner gesamten vierjaehrigen Reise vor mir. Schoen, was heisst schoen? Absolute Einsamkeit, Vicunas, Lamas und Alpacas, die mir taeglich ueber den Weg laufen werden.

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Vikunas und Flamingos

Flamingos, deren rosarotes Federkleid sich im Wasser der kleinen Lagune nahe des Salar de Surire spiegeln, deren staksige Fuesse ueber Nacht vom gefrierenden Wasser fest umklammert, und erst spaet am naechsten Morgen vom auftauenden Wasser wieder freigelassen werden.

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Flamingos

Einige wenige menschliche Begegnungen, bei denen am Ende immer etwas zu Essen (Bananen, Aepfel, Linsen, Suppenpackung, Wasser) in meinen Packtaschen landen wird.

press on foto to enlarge                              Ruta de las Vicunas

Ich fahre am Tag zwischen 30 und 40 Kilometern. Mehr ist nicht drin. Soll auch nicht, denn dann waere dieses Erlebnis zu schnell zuende. Abends sitze ich vor dem Zelt, schluerfe an meiner heissen Schokolade (Trockenmilch + heisses Wasser + Kakaopulver) und esse genau drei Kekse, bevor ich mich ans Kochen mache.

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Feierabend

Am letzten Tag, kurz vor Putre, ist der Ofen aus. Ich kann nicht mehr, weder koerperlich noch geistig. Der Wind weht von vorne. Ich will schon seit 20 km aufhoeren, finde aber keinen windgeschuetzten Platz. Fahre weiter ueber furchtbares Wellblech.

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Wellblech

Es geht hinauf und hinunter und jedes Mal wird meine Hoffnung, dass dies jetzt nun wirklich endgueltig der letzte Huegel ist, enttaeuscht. Noch einer und noch einer. Ich fange an zu weinen und zu schieben. Und dann geht es tatsaechlich nur noch bergab. Biege auf die Hauptrasse und entdecke ein Gebaeude der Conaf, der chilenischen Forstbehoerde. Hier werde ich zelten, egal was kommt. Ich klopfe, Pablo macht mir auf, ich frage ihn, ob ich hier zelten koennte, vor dem Haus, im Windschatten. Nein, er hat eine bessere Idee, eine objektiv bessere. Ich schlafe im Haus, in einem Bett. Wir kochen zusammen Spaghetti mit Tomatensosse. Ich verputze 250g Nudeln und danach ist mir so kotzeuebel. Ich sitze gebaeugt und magenverkrampft vor dem heissen Holzofen waehrend wir uns ueber Musik unterhalten. Nach einer heissen Dusche mit Kelle und Wassereimer, denn die Wasserleitung ist aus Zufriergruenden schon abgestellt, schalte ich die elektrische Waermedecke auf meinem Bett ein. Was fuer eine Wende hat doch dieser Tag genommen….

Putre
In Putre angekommen finde ich eine wunderbare Hospedaje. Ein riesiges, sauberes Zimmer mit eigenem Bad, heisser Dusche und schnellem Wifi. Drei Tage und vier Naechte liegen vor mir. An jedem Tag wird die Hostelbesitzerin, die gleichzeitig Bergtouren auf die umliegenden 6000er, fuehrt, vorbeikommen, das Bad saubermachen, das Bett machen und bei Bedarf eine neue Klopapierrolle auf den Spuelkasten stellen. Ich werde den Grossteil der Zeit im Bett verbringen.

Mit Netflix, Tatort, Chips und Bier oder Cola. Mittags werde ich mich die 250m zum Restaurant bewegen, vielleicht dann noch einem Tante-Emmaladen einen Besuch abstatten um meinen Bier-, Cola- und Chipsvorrat aufzustocken und um etwas vernuenftiges zum Abendessenkochen zu kaufen. Und dann werde ich mich wieder ins Bett legen. 

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Lecker Essen jeden Tag im Stammlokal

Ich werde nicht nur Pause vom Radfahren nehmen, sondern auch Pause von mir selber. Vier bis fuenf Stunden taeglich reine Fahrzeit liegen hinter mir. Meine Gedanken kreisten um mich, um mich und meine Zukunft, um mich und meine Vergangenheit, um mich und meine Familie, um mich und meine Freunde, um mich und die Welt, die Welt an sich. Dazu kamen Freude und Trauer oder Mitgefuehl, je nachdem an wen ich von zuhause gerade dachte.
(Waehrend ich das hier schreibe, frage ich mich, wann ich in Deutschland denn die Zeit hatte, bzw. sie mir nahm, um so intensiv ueber mein Leben zu nachzudenken, und nur langsam fallen mir diese wenigen aber doch regelmaessig sich wiederholenden, kurzweiligen Augenblicke ein.)
Von Aussen zerrte der Wind an mir, die Sonne knallte erbarmungslos herab, bergauf fehlte der Sauerstoff, und meine zwei Augen waren voellig ueberfordert, die ganze karge Schoenheit in ihrer Vollkommenheit in sich aufzunehmen. Oft musste ich mich abends wirklich zusammenreissen und mich in Selbstdisziplin ueben, um noch etwas zu kochen. Seltenst war ich so erschoepft. Das lag aber auch daran, dass ich dabei war, elf Tage ohne Pause durchzuradeln. 

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Mein bisher hoechster Punkt (4725mNN)

Am vierten Tag packe ich zusammen, sage Tschuess, fahre zur Hauptstrasse, strecke meinen Daumen aus, trampe 1500 Hoehenmeter nach oben, setze mich mit voller Vorfreude auf Charlotte und rase los.
La Paz, ich komme.

And life inbetween

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too fast round the corner

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Einladung zum Mittagessen…

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Einfach aber trotzdem alles notwendige. DANKE!

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Tenting in the windshadow of a ruin

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Tenting in the windshadow of a ruin

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Still 30m to push to the top of 4725mNN

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Old missionchurch

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Church from inside

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Church from inside

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Traditional houses close to Salar de Coipasa

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Lamas and Sheep

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Sheep

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Traditional houses near Salar de Coipasa

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my clean bathroom with a good place for my teethbrush

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partly heavy truck-trafic

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over the bridge or through the water?

Ein Gedanke zu “Auf zur Ruta de las Vicunas

  1. Hallo Heike,
    also die Route de las Dingsbums in alles Ehren, aber Icke fand ja den Salzsee spannender…
    Grüße, Jan.
    P.S.: Warum postest Du meine Kommentare eigentlich nie?!

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