Make yourself at home

Glück

Graublau zogen sich die Gewitterwolken zusammen. Die berühmte Stille vor dem Sturm wurde stiller und stiller. Noch 15 Minuten und dann würde es losgehen.
Noch 15 Minuten hatte ich Zeit, ein Dach für mein Zelt zu finden. Hier am Erie Kanal, links der Kanal, rechts gemähter Rasen und Büsche. Ein Dach weit und breit nicht in Sicht.
An der nächsten Kreuzung bog ich auf eine Strasse ab. Hier reihte sich eine Villa an die nächste. In jeder Einfahrt parkten drei dicke Autos.
Keine Chance. Noch 10 Minuten….

Und dann sass ich tatsächlich zehn Minuten später am Küchentisch von Masha und Rick, vor einem Teller Spaghetti und Salat. Dazu ein Glas kalifornischen Weiswein und zum Nachtisch Vanilleeis.
Draussen wehte der Wind gerade einen dicken Blumentopf von der Terasse.

„Come to my house“ war die Antwort von Masha auf meine Frage nach einem Shelter irgendwo hier.
So einfach, so nett, so unkompliziert, so hilfsbereit, so offenherzig.

Masha and Rick

Später sassen wir gemeinsam vor dem Fernsehen und sahen uns einen Fantasy-Drachenfilm an.
Gerade als ich mich fragte, warum sich so gebildete Leute so einen Quatsch ansehen, gab Rick mir unaufgefordert die Antwort. „The reality is so bad. That is why we are watching this.“

Politik

Und natürlich reden wir über Politik.

Bisher sprach ich ausschliesslich mit Menschen, die gegen Trump sind. Und sie alle eint die Angst vor einer rückwärtsgewandten Autokratie, sie alle eint eine gute Bildung, fast alle haben einen gut bezahlten Job.

Am Tisch wird nicht über Politik geredet, solange nicht alle einer Meinung sind. Denn auch am nächsten Tag wollen wieder alle an einem Tisch sitzen und Freunde bleiben, trotz allem.

Auch Ed und Larry, zwei Brüder, luden mich ein zu bleiben. Sie haben wirklich Angst vor der Zukunft.

Und Ed schenkte mir einen der schoensten Momente auf meinen gesamten Reisen:
Ich schrieb an jenem Tag in mein Tagebuch:

Ed weihte mich ein in die wunderbare Welt der Grammophone. Er spielte mir eine Platte, ein italienischer Opernsänger auf seinem Grammophon von 1905 vor. Mit einer Kurbel wird zuerst eine Feder gespannt und für jedes Abspielen einer Platte wird eine neue Nadel gebraucht. Ed zeigte mir seine kleinen, bunten Dosen, jeweils mit 200 Nadeln bestückt. Ich bin noch völlig beeindruckt von dem Sound, dem Originalsound eines 119 Jahre alten Grammophons…..Eds Sorge ist, dass er niemanden findet, der seine Schätze nach seinem Tod so ehrt, pflegt und Freude daran findet wie er selbst. Das macht ihm wirklich Sorgen. Er weiss, dass seine Zeit hier auf Erden bald vorbei sein wird. Man kann nichts mitnehmen. Ed meinte:’Vielleicht nicht mal seine Erinnerungen.“ Warum ich so begeistert von dem Grammophon war und bin, ist seine Unschuld. Es ist da, um den Menschen Freude zu bereiten, nicht mehr und nicht weniger. und dafür braucht es weder Atomstrom noch Solarenergie.“

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Danke, Ed.

Am Rande des Rostgürtels

Nun bin ich in Pennsylvania, einer der Bundesstaaten, die zum sogenannten Rust Belt gehören. Die ländliche Armut hier nimmt mich mit.


Heruntergekommene Häuser, deren Fassaden schon längst mal wieder einen neuen Anstrich bräuchten, umgeben von halb verwitterten Wohnwägen, verrosteten Autos und zugemoosten Plastikkinderrutschen.


Aber die Trump-Fahne darf nicht fehlen: „God, Guns and Country“, „Make America great again“.
Ja, eigentlich macht das alles Sinn. Trump, der grosse Hoffnungsträger.
Ich stelle auch fest: Je grösser die Häuser, desto weniger Trump-Flaggen, je gebildeter die Menschen, desto grösser ihre Ablehnung.

An einer Tankstelle irgendwo auf dem Land fragte mich ein älterer Herr:
„Which part of Germany are you from?“
„Close to Berlin.“
„Ähh?“
„The capital of Germany. Börlinn“
„Aha?“ …
Ein anderer mischte sich ein: „Berlin, the capital!“
„…?“
Ist es Zufall, das eine Trump-Schirmmütze den Kopf dieses Mannes bedeckte?

„Mir könnet deutsch schwätze“

Einen Tag teilte ich einen Campsite am PineCreekTrail mit Amish-Leuten. Die Frauen tragen lange Kleider und weisse Hauben auf dem Kopf, die Männer, schon die kleinen Jungen, haben Strohhüte, tragen lange Hosen, von Hosenträgern gehalten. Sie bewahren sich ihr Leben frei von Autos, Haendis, Fernsehen und dem sogenannten Fortschritt. Pferdekutschen sind ihr hauptsächliches Transportmittel. Bei den übrigen Amerikanern sind sie angesehen: gute Arbeiter, und was sie herstellen hat Qualität.


Fahrräder sind ok. Ein wenig muss man mit der Zeit mitgehen, wie mir der Vater von sechs Kindern, 3 mal Zwillinge, auf deutsch erklärt, das lernen sie in der Schule. Acht Jahre gehen sie auf ihre eigenen Schulen, und dann helfen sie mit. Die Kinder waren sehr zurückhaltend, sahen mich fast misstrauisch an. Auch die Mutter der Kinder brauchte einige Zeit, mit mir warm zu werden.

„Make yourself at home.“

Heute abend komme ich bei Paul in College State unter. Einem Mitglied von Warmshowers.
Ich bekam eine Email von ihm: „ I am heading out for a ride myself […] The door is open. Make yourself at home.“

Auch das ist Amerika.

und sonst?

Ungeplanter Campingurlaub mit Eric:

Ich verschob spontan meine Einreise in die USA um drei Wochen und verbrachte eine wunderbare Zeit mit Eric, einem Freund, den ich 2011 in Canada kennenlernte. Wir machten Campingurlaub in Charlevoix, einem Teil von Quebec.

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Einen wunderbaren Abend verbrachten wir mit Geige, Gitarre und Lagerfeuer am Sankt Laurence River auf der anderen Seite von Quebec City. Danke Valerie und Simon.

Zwischen den Zeilen:

Meine erste Nacht in den USA, eingeladen von Jamie und Steve

Eingeladen von James von Tanglefoot-Bicycles

„Come to my house“ sagte Bronna zu mir, als es in Strömen goss. Danke dir.

Kochen unter dem Moskitonetz

Mosaik
Sicher vor dem Regenguss die ganze Nacht in einem Mobilehome, danke Stan.
Bärensicheres Toilettenhäuschen für meine Lebensmittel

Abkühlung im Bach

mein zuhause

Wieder einmal Glück gehabt

Es geht auch anders

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