Welcome to Mexico

„Tomte, würde es dir was ausmachen, deine Füsse aus meinem Teller zu nehmen.“

Ich esse noch.

Tomte versteht den leichten Sarkasmus meiner Worte nicht, nicht die Komik der Situation. Und wie kann ich mit ihm böse sein, er lächelt mich aus seinem pausbäckigen Gesicht mit grossen freundlichen Augen an und seine kleinen Füsse verbleiben in meinem Teller.

„Guten Morgen, Tomte“

Ich reise gerne mit Tomte zusammen, mit seinen Eltern, Maren und Christian auch. 

Wir treffen uns nach fast zwei Monaten in San Diego wieder. Es ist bereits Mitte Dezember, und nur noch entlang der Pazifikküste ist es warm. In Gunnison, Colorado, meinem geliebten Gunnison herrschen Tag und Nacht bereits zweistellige Minusgrade.

Wir treffen uns bei Amu Behrouz. Amu heisst auf persisch Onkel. Behrouz kommt aus dem Iran, ist Mathematik-Professor und lebt alleine im Herzen San Diegos. Maren und Christian haben ihn zwei Jahre zuvor über Warmshower kennengelernt.

Wir bereiten unsere Abfahrt nach Mexico vor. Ich gönne mir Flipflops für 80$, mein vorzeitiges Geburtstagsgeschenk an mich und schmeisse meine drei Jahre alten Flipflops, deren Sohlen nicht mehr viel dicker als ein Stück Pappe sind, in den Mülleimer. Ich bestelle bei Amazon einen grösseren Wassersack, welcher am selben Tag noch geliefert wird. Maren und Christian bestellen ebenfalls was das Zeug hält. In Mexico ist es schwer bis unmöglich, an das alles zu kommen.

Die Einreise gestaltet sich als völlig unkompliziert. Sechs Monate dürfen wir uns nun in diesem Land aufhalten.

Christians allerletzter amerikanischer Chemie-burger an der Grenze

Ein lärmender Mix aus Musik, Autokrach, Gehupe, und Hundegebell dringt plötzlich in unsere Ohren. Die Nase erwacht aus ihrer dahindämmernden Lethargie, überstrapaziert von den plötzlichen Essensgerüchen, den Autoabgasen und dem leichten Geruch nach verbranntem Müll. Die Augen sehen mehr als sie gucken können.

Die Mauer zwischen Mexico und den USA

Wie geruchlos und geräuschlos waren die USA dagegen, unsere Sinne zum Schlafen verdonnert.

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Hier, in der Grenzstadt Tijuana, einer der gefährlichsten Städte Mexicos, lernt Tomte im sicheren Haus unseres Warmshowerhosts, laufen. Erst zwei unsichere Schritte, dann mehr und mehr. Wir sind alle drei hellauf begeistert. „Guck mal, hast du das eben gesehen, Tomte ist gerade von hier nach da gelaufen….“

Tomte lernt zur rechten Zeit laufen, denn anders als in den USA ist der Boden hier in Tijuana voller Glasscherben und Hundescheisse. Und weiter südlich auf der Baja California, einer Halbwuestenhalbinsel, wird sein Weg von Dornen gespickt sein. 

Wir machen Pläne, welchen Abschnitt der Baja Divide, ein 3000km langer MTB-Trail auf der Baja California, wir trotz unserer schwer bepackten Fahrrädern plus Kinderanhänger fahren werden.

Doch zunächst müssen wir unversehrt aus dieser Stadt herauskommen.

Die Autos fahren dicht, zu dicht an uns vorbei. Der rudimentäre Seitenstreifen gaukelt etwas Sicherheit vor. Ich versuche, den Nägeln, Glasscherben und Reifendrähten, welche die Strasse säumen, auszuweichen und habe Glück. Nichts dringt durch den dicken Mantel in den Schlauch.

Wir schaffen es nach Rosarito und treffen dort auf eine radreisende Familie mit sogar zwei Kindern. Der ältere ist unter drei. Wir fahren zusammen weiter und ich bekomme eine immer grösser werdende Krise. Ich fühle mich hier zwischen diesen beiden eingespielten Familien völlig überflüssig. 

Ich überlege mich zu trennen, alleine weiterzufahren, aber wir wollten doch zusammen meinen Geburtstag und Weihnachten zusammen feiern.

Die Zwickmühle, in der ich stecke, löst sich von ganz allein. 

In den Bus, den wir alle nehmen wollen, passen nur drei Räder und Tomtes Kinderanhänger. Auch in den nächsten Bussen am selben Tag und dem nächsten ist kein Platz für die andere Familie.

im Bus weiter

Die kleinen Dörfer, an denen wir vorbeifahren oder in denen wir eine Pause machen, scheinen mir in ihrer grau-braunen, mit Wellblech überdachten Trostlosigkeit äusserst arm.

Oder täusche ich mich? Bin ich das nicht mehr gewohnt? Empfinde ich alles, was nicht deutschem oder amerikanischen Standart entspricht, als arm? War ich schon zu lange nicht mehr unterwegs, als dass mich das hier echt schockiert? Armut ist relativ……und ich weiss nicht, wie arm die Menschen hier im Vergleich zu anderen in Mexico sind….(Ziemlich arm, wie ich später feststellen werde.)

Die kleinen Lädchen jedoch haben alles, was das Radlerherz erfreut. Dazu bedarf es allerdings auch nicht viel. Ein wenig Gemüse, Spaghetti, Reis, Linsen, Haferflocken, Kekse und diverse Sorten an Bierdosen, mit und ohne Alkohol, dazu ein Flässchen Tequila und Klopapier.

Wir übernachten oft in Hotels, weil Christian zum Geldverdienen eine vernünftige Internetverbindung braucht.

Die Nächte im Zelt sind atemberaubend. Abseits der Hauptstrasse, der MEX10, finden wir zwischen den meterhohen Kakteen Plätze in absoluter Stille und Einsamkeit.

Im Zelt liegend und dabei die schwarzen Umrisse der Kakteen im Himmel voller Sterne betrachtend, erfüllt mich wieder einmal eine tiefe, bauchkribbelnde Dankbarkeit.

Ich frage mich, wer der Adressat meines Dankens eigentlich sein soll. Der liebe Gott? 

Daniel, mein ewiger Freund, hat eine einfache Antwort: Erst einmal ich selbst. 

Ja, denn ich nutzte einfach diese Chance, die ich hatte. Die Chance, bestehend aus dem Glück, die richtige Staatsangehörigkeit zu haben, gesund zu sein, sich um niemanden kümmern zu brauchen. Dazu sich losgelöst zu haben von den zunächst auch meinen Standartlebensentwürfen, bestehend aus Karriere, Urlaub und Rente. „Den Schritt gewagt zu haben“ wie man so schön sagt. 

Und doch komme ich immer wieder gerne nach Deutschland, nach Minden zurück, bin glücklich und zufrieden mit meinem ganz normalen Leben aus Arbeit, Freunde treffen, Tatort gucken.

Zurück im Zelt verschliesse ich lieber das Innenzelt bevor ich einschlafe. Skorpione sollen bitte draussen bleiben.

Tomte lernt inzwischen dazu. Der Kocher ist während des Kochens tabu. Kein Wegreissen des Windschutzes, kein Zerren an der Benzinflasche. „Nein, Tomte, nicht.“. Kein Anfassen des heissen Topfes. Das lernte er von sich aus.

Ja, er hilft sogar mit: Stellt schon mal einen leeren Topf auf den Kocher und passt beim Zeltauf- und Abbau auf die Heringe und die Zeltstangen auf.

Einen Tag vor meinem Geburtstag gesellt sich Felix mit seinem Fahrrad zu unserer kleinen Gruppe. Felix kommt aus Hannover und ist mit seinen 20 Jahren so reif wie ein 35igjähriger.

Wenn man seine Worte als altkluges Gelaber abtäte, würde man ihm Unrecht tun. Felix lernte Kindergärtner, (ein Ausdruck, der mir viel besser gefällt, als Erzieher), ist bei einem christlichen Pfadfinderverein und hat schon in frühen Jahren Verantwortung und Leitung für unterschiedlichste Gruppen übernommen. Felix überlässt es Tomte, sich mit ihm anzufreunden oder auch nicht, ganz ohne sich aufzudrängeln.

Wir finden einen wunderbar ruhigen Platz am Meer, wo wir fast eine Woche bleiben, uns vom Strassenlärm erholen.

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Wir feiern meinen Geburtstag mit allen erdenklich wunderbaren Zutaten: Lagerfeuer, Cocktails, Tanz und selbstgemachter Pizza über dem Benzinkocher. Zum Geburtstag bekomme ich ein Tütchen Cardamom und einen Tag später ein handygedrehtes Filmchen. DANKE. euch allen.

Pizza auf dem Benzinkocher

Heiligabend verbringen wir windgeschützt in einer kleinen Bucht am Pazifik. Geschenke vermisst niemand. 

und Sylvester schlafen wir rein, nachdem das Lagerfeuer nur noch orangerotgelb vor sich hinglüht. 

Mehr busfahrend als trampend und mehr trampend als radfahrend hangeln wir uns Richtung Süden.

Es macht mir keinen Spass, hier auf der MEX 10 Fahrrad zu fahren. Die grösste Gefahr kommt nicht etwa von den sechsachsigen, mexikanischen Lastwagen und den mexikanischen AutofahrerInnen, die so lang hinter uns her tuckeln, bis die Gegenfahrbahn wirklich komplett frei ist und uns dann mit eingeschalteter Warnblinkanlage überholen. Nein, die grösste Gefahr stellen US-Amerikaner dar, die ungeduldig, nicht den Gegenverkehr abwartend, schnell noch an uns vorbeirasen müssen. 

Einmal musste ein entgegenkommender LKW, eine Vollbremsung hinlegen, damit dieser Amerikaner weder mich zu Tode fährt noch frontal in den LKW reinknallt. Natürlich gibt es auch Ausnahmen, auf beiden Seiten.

Heile kommen wir in La Paz an. 

Ich merke, dass es für mich Zeit wird, wieder eigene Wege zu gehen. Während Felix, Maren und Christian ihre Route ganz zum Südzipfel der Baja California planen, buche ich die Fähre nach Mazatlan aufs Festland, ins „echte“ Mexico.

Ich bin hibbelig, unausgeglichen und voller Angst. Davor, nun wieder, nach sechs Wochen gemeinsamer Zeit, alleine zu sein und das in einem Land voll drohender Gefahren, wie mir das Auswärtige Amt mit seinen Sicherheitshinweisen für Mexico erklärt.

Mit gemischten Gefühlen fahre ich Richtung Fähranleger, nicht wissend, dass ich Mexico zu meinem Lieblingsland erkoren werde.

Zwischen den Zeilen…

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Alle Photos mit mir drauf, sind von fivebags.de

2 Gedanken zu “Welcome to Mexico

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